Triggerwarnung: Ich schreibe über sexuellen Missbrauch und Gewalt gegen Kinder

PET spielt in der Stadt Lucille, einer nicht näher beschriebenen Gesellschaft mit niedriger Kriminalitätsrate und ziemlich wokem Miteinander. Die Heldin Jam deckt mit ihrem Freund Redemption einen Missbrauchsfall in dessen Familie auf, unterstützt von einem engelhaften Fabelwesen namens Pet.

Die Einführung in die Geschichte der Heldin finde ich gelungen, ihre Geschichte als (vermutlich autistische) Transperson ist geschmackvoll dargestellt: Jams Transidentität wird zu Beginn eingeführt und spielt danach keine Rolle mehr. Ebenso wird ihr Mutismus akzeptiert, ihr Umfeld lernt Zeichensprache, um sich besser mit ihr zu verständigen.

Die Stadt Lucille bleibt nebulös, was ich beim Lesen unbefriedigend fand - ich hätte gerne gewusst, wie die Gesellschaft organisiert ist und was in Lucille anders läuft, nachdem die Engel die Monster besiegt haben. Stattdessen lebt die Heldin in einer scheinbar banalen Vorstadtwelt, ihre Mutter fährt sie mit dem Auto ins Kino und sie benutzt ein Tablet, um Redemption Nachrichten zu schreiben.

Ich konnte dem Buch seine langweilige Welt aber schnell verzeihen, denn bald wird klar, dass Jam gemeinsam mit Pet und Redemption ein Monster jagt. Als Redemption in der Bibliothek eine Broschüre zu Kindesmissbrauch liest, sieht er, dass er und seine Familie sich die Verletzungen seines kleinen Bruders Moss schönreden, dass sie den offensichtlichen Missbrauch verdrängen. Es wird gut beschrieben, wie schwer es sein kann, Missbrauch zu erkennen, und ihn nicht zu verdrängen. Und wie einfach es ist, das Offensichtliche zu verdrängen. Das ist für mich der Kern des Werks – in einer Welt, in der eigentlich alles gut sein müsste, in der die Engel gesiegt haben, darf es keinen Missbrauch geben. Und doch gibt es ihn und alle verschließen die Augen vor ihm. Ich finde, das funktioniert auch gut als Metapher für unsere Gesellschaft.

Ich bin als Kind von einer Bezugsperson sexuell missbraucht worden, und habe das erst als junger Mann erkannt. An einem Sommermorgen, nach einer durchtanzten Nacht mit viel MDMA, saß ich mit Freunden am Flussufer und konnte es klar sehen. Die Erkenntnis selbst war ein Trauma. Ich hatte Panikattacken, habe noch Tage danach in die Leere gestarrt und darauf gewartet, dass sie wieder verschwindet an den Ort, an dem sie die Jahre zuvor war. Dann der Gang zur Opferberatung, Therapie, Anwalt, jahrelange Verfahren und eine Bewährungsstrafe. Und überall Verdrängen. Ein junger Mann, der als Kind nackt von meinem Monster geduscht und angefasst wurde, der vor Gericht dazu aber nicht sprechen mag. Zwei weitere junge Männer, die auch ans Bett gefesselt und angefasst wurden, dazu aber keine Erinnerung haben. Die Eltern, die mich und die anderen Jungs bei ihm übernachten ließen, obwohl sie “kein gutes Gefühl” hatten – “du wolltest das doch”.

Die Autorin beschreibt das im Buch ziemlich gut, ich habe vieles wiedererkannt. Von Redemptions Einsicht an hat mir das Buch Spaß gemacht. In mir gibt es auch einen Pet, der das Monster jagen möchte, einen Redemption, der ihm die Nase brechen möchte, und eine Jam, die das gesamtgesellschaftlich betrachtet aber schon problematisch findet. Vor der finalen Konfrontation im Kampfsportkeller hatte ich Sorge – so gefühlvoll, wie man sich in Lucille begegnet, war die Chance real, dass sie mit Hibiscus über ihre Gefühle sprechen. Dass Pet stattdessen Hibiscus die Augen ausbrennt, hat mir gut gefallen.

  • Triplef@feddit.orgM
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    2 months ago

    Ich teile viele deiner Punkte zum Buch.

    Es tut mir leid, dass Du sexuellen Kindesmissbrauch erfahren hast und auch dass die rechtliche Aufarbeitung in deinem Fall für dich vermutlich ziemlich enttäuschend verlaufen ist.

    Vielen Dank dass du dann trotzdem deine Review und Gedanken geteilt hast.

    Blöde Frage (bitte nicht beantworten wenn du nicht möchtest) War es okay für dich das Buch zu lesen? Ich frage auch weil ich mir bei der Frage ob und wann wir in diesem Buchclub Triggerwarnungen nutzen sollten. Ich bin da hin und her gerissen. Auf der einen Seite bin ich etwas skeptisch weil der Nutzen wissenschaftlich “umstritten” ist und zum Teil dadurch erhebliche Teile eines Plots gespoilert werden können. Auf der anderen Seite möchte ich auf keinen Fall eine Person retraumatisieren (falls das der richtige Begriff ist), weil diese Person unvorbereitet auf ein für sie triggerndes Thema stolpert, weil das in einem Buch vorkommt. (Mal von der Problematik abgesehen, dass wir meistens nicht wissen welche Triggerthemen vorkommen können.)

    • moss@feddit.orgOP
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      ·
      2 months ago

      Es war sehr okay für mich, das Buch zu lesen. Ich hatte das Gefühl, dass die Autorin wissend Missbrauch beschreibt und das Verdrängen greifbar macht. Das war irgendwie schön.

      Auf der anderen Seite möchte ich auf keinen Fall eine Person retraumatisieren (falls das der richtige Begriff ist), weil diese Person unvorbereitet auf ein für sie triggerndes Thema stolpert, weil das in einem Buch vorkommt.

      Es geht nicht um Retraumatisierung, sondern um Kontrolle. Ich will entscheiden, wann ich lese wie einem Kind Gewalt angetan wird. Triggerwarnungen sind hilfreich, wenn Inhalte überraschen. PET braucht keine Triggerwarnung, weil sich der Missbrauch langsam abzeichnet. An einem schlechten Tag habe ich genug Zeit, das Buch wegzulegen. Anders ist es, wenn ich ein Buch aufschlagen und sofort Gewalt an einem Kind beschrieben wird. In so einer Situation wünsche ich mir eine Triggerwarnung.