Spoilerwarnung
Hinweis: Ich bin noch nicht allzu geübt im they/them gendern. Wenn euch Stellen auffallen, an denen ich das entweder vergessen habe, oder die grammatikalisch “originell” sind, schreibt mir gerne einen Kommentar.
Ich habe eine sehr große Kritik an diesem Buch: Es ist viel zu kurz und endet viel zu abrupt. :D Ich hätte nach den 150 Seiten gerne nochmal so viele genommen.
Annalee Newitz hat da ein sehr interessantes Buch geschrieben. They hat meiner Meinung nach 4 super interressante Charaktere erschaffen. Jede der Roboterpersönlichkeiten ist ein dreidimensionaler Charakter, mit eigener kurzer Hintergrundgeschichte und nachvollziehbaren Motiven.
Die Geschichte spielt in einem Nachkriegs-San Francisco. Kalifornien und der Rest der USA haben sich einen Bürgerkrieg geliefert an dessen Ende Kalifornien eine eigenständige Republik wurde. Dabei scheint es so als wäre Kalifornien der liberalere Teil. Die Roboter sprechen wenn sie von den USA sprechen von Sklaverei. Das ganze hat einerseits “Bürgerkrieg zwischen Demokraten und Republikanern”-Vibes wie ihn hauptsächlich ultrarechte MAGA Pfosten vorherseh(n)en, andererseits amerikanischer Bürgerkrieg zwischen Nord und Südstaaten (z.B. Sklavereithematik).
Cayenne ist aus Feuerwehrroboter erschaffen worden. They kann Menschen retten und ist dafür ähnlich eines Oktopus gebaut: Ein flexibler “Torso” der dehnbar ist und Tentakel. Das Feuerwehrdepartment hat them auf Kredit finanziert und als ihnen die Finanzierung entzogen wurde, gingen die Schulden auf Cayenne über. They wurde im Krieg als Such- und Rettungsroboter genutzt und hat dafür ein Geruchs und Geschmacksupgrade bekommen, das hauptsächlich zum Leichengeruch erkennen genutzt wurde um Überlebende zu finden. Nach dem Krieg ist they davon eingenommen deren Schulden und die von hands zu begleichen, them they in einem Falafelstand kennengelernt hat. Die beiden sind offensichtlich ineinander verliebt und wollen nicht getrennt voneinander sein. Cayenne ist hackingtechnisch begabt und hat für auch selbst erhackt, dass they arbeiten können wo they will. Nachdem dasselbe aber nicht für Handy gilt, nutzt they deren Fähigkeiten, damit die beiden nicht voneinander getrennt werden.
Sweetie ist vor dem Krieg als Bankroboter erschaffen worden. They war im Grunde ein fancy Geldautomat wenn ich das richtig verstanden habe und dabei gezwungen immer freundlich zu bleiben, auch wenn sie tagsüber härtenstens angecreept und nachts angepisst wurde. Mit dem Krieg hat they sich befreit (wenn ich mich richtig erinnere) und sich dafür Beine organisiert. Dafür und zum Überleben musste they bei fremden Personen Geld stehlen was them immer noch ein schlechtes Gewissen bereitet. Sweetie emanzipiert sich im Laufe der Geschichte immer mehr von deren auferzwungener Freundlichkeit und präsentiert sich mehr so wie they sich fühlt: Zum einen ersetzt Sweetie einen Teil von derer Kopf"haut" nicht als diese bei einem Unfall abgerissen wird, zum anderen lässt they eine Mastektomie vornehmen und präsentiert die “Narbe” sehr stolz.
Staybehind war im Militärdienst als Teil einer Spezialeinheit. They hat in den letzten Momenten des Krieges zwei Roboterkameradinnen an eine Mine verloren und ist davon (und vermutlich auch vom Rest des Krieges) traumatisiert (soweit man diesen Begriff für einen Roboter nutzen kann). Der Zeitpunkt des Verlusts ist auf jeden Fall dauerhaft in deren aktiven Speicher und belastet so deren Rechenkapazitäten. They ist die einzige der vier Roboter, they (wie beugt man dieses Pronomen hier? Hilfe^^) nicht in einer Schulknechtschaft ist, weil Staybehind so etwas wie eine Reservist*in ist. They nimmt daher auch ein bisschen eine Außenseiterrolle ein, auch weil they nicht auf den Erfolg des Restaurants angewiesen ist. Mit der Zeit fügt sich Staybehind aber in die Gruppe ein und findet eine Gemeinschaft, was them auch mit deren Trauma hilft. They übernimmt im Restaurant die Rolle der Sicherheitsperson und macht Reparatur/Instandhaltung/Dekoration.
Hands hat als einziger Roboter von den vier den Krieg nicht erlebt. They ist zwar für eine Munitionsfabrik erschaffen worden, aber “zu” spät und so nie dort zum Einsatz gekommen. Hands und deren Geschwister waren längere Zeit “unbeabsichtigt” in der Lagerhalle und haben dort ohne Verbindung zur Außenwelt gelebt. Was eine Faszination für eine Packung Ramen erzeugt, weil niemand die Zubereitungsanleitung “versteht”. Die Faszination für Ramen ist der Auslöser für ein Special Interest an fernöstlichen Nudeln im Allgemeinen. Hands bekommt mit wie deren Geschwister zum Teil trotz des Rechts den eigenen Arbeitsplatz zu wählen verschleppt werden. Die verbleibenden Roboter entschließen sich daher die Halle auf Rollbrettern zu verlassen und machen sich auf nach San Francisco. Dort landet Hands in einem Falafelstand mit Cayenne. They hat im Gegensatz zu den anderen drei eine unbekümmerte Art was daran liegt dass they den Krieg eben nicht kennt. Durch Videos und das Internet allgemein ist Hands fasziniert von Biang Biang Nudeln und möchte diese unbedingt selbst machen. They ist aber auch der_die Sensibelste von den Vieren und leidet sehr unter dem Reviewbombing.
Die Roboter sind in der Geschichte den Menschen intellektuell wie emotional mindestens ebenbürtig (wenn man die digitalen Fähigkeiten mit einberechnet deutlich überlegen). Sie äußern Gefühle, wiegen moralische Dilemma ab und planen ihre eigene Zukunft. Gleichzeitig sind sie Menschen rechtlich aber nicht im Ansatz gleichgestellt. Sie haben zwar offiziell “Menschenrechte”, diese äußern sich aber lediglich in dem Recht den eigenen Arbeitsplatz wählen zu dürfen (und nichtmal dieses Recht wird gewahrt). Sie haben keine politische Repräsentation, kein Wahlrecht, dürfen sich nicht reproduzieren usw. Dazu kommt, dass die meisten von ihnen in permanenter Schulknechtschaft leben und die Kosten für ihre eigene Erschaffung (um die sie nicht gebeten haben) abbezahlen müssen. Bei Zahlungsausfall droht Verkauf/Verschrottung. Freiheit sieht anders aus. Die Regierung argumentiert die Sachlage damit, dass viele Menschen robophob seien und man die Rechte daher nur langsam und nach vorsichtiger Prüfung freigebe. Die Rechte sind also daran gebunden, dass sie die Menschen nicht stören, ihre Freigabe ist vom Wohlwollen der Menschen abhängig und sie können jederzeit wieder entzogen werden. Am Ende des Tages ist das auch nur Unterwerfung mit einem hübschen Anstrich (der ja auch den Menschen nützt weil sie so ja moralisch “die Guten” sind, weil sie Robotern Rechte geben).
Die vier Roboter finden sich zu Beginn der Geschichte in einem heruntergekommenen Schnellrestaurant wieder. Ihre Arbeitgeber haben ihren Scam (minderwertiges Essen verkaufen und die Fassade wechseln wenn es auffällt) nicht länger durchziehen können und haben das Land verlassen. Sie waren monatelang deaktiviert, haben demnach ihre Schulden nicht abbezahlt und die Miete ist im Rückstand, wodurch Weiterverkauf oder Verschrottung drohen. Die Gruppe sieht ihre einzig sinnvolle Lösung darin das Restaurant weiterzubetreiben, obwohl Roboter das eigentlich nicht dürfen. Sie hacken den Blockchain Vertrag, richten das Restaurant ein, “organisieren” sich Strom und richten ihre Website ein. Auf Wunsch von Hands spezialisieren sie sich auf Biang Biang Nudeln, them diese nach einem Restauranttrip um das Original zu sehen machen lernt. Der Start läuft gut, sie bekommen positive Bewertungen und die Nachfrage ist groß. Das Restaurant läuft so auch einige Zeit gut, bis jemand anfängt sie reviewzubomben. Das ist insofern ein Problem, weil sie bei zu negativen Bewertungen von entlistet werden bedroht sind, was nach einiger Zeit tatsächlich auch passiert. Hands ist davon besonders mitgenommen, was auch daran liegt dass they das erste Mal in deren Leben attackiert wird ist. They verkriecht sich für einige Zeit und kehrt erst zurück als Cayenne (glaube ich?) zu them kommt und mit them darüber spricht. Staybehind hackt sich in der Zeit in das Netzwerk der Reviewbomberin hinein. Es stellt sich später heraus, dass es sich um eine Einzelperson handelt in deren Netzwerk jemand robophobe von den USA gesteuerte Verschwörungserzählungen geteilt hat. Die Roboter reagieren auf den Einbruch ihrer online Bestellungen, indem sie auf Laufkundschaft setzen. Sie öffnen ihr inzwischen hübsch hergerichtetes Restaurant für die Öffentlichkeit, bieten Aufenthaltsgeleiteten und eine Möglichkeit “old school” über eine eigene Webseite zu bestellen. Das Angebot wird von der örtlichen Bevölkerung gut angenommen und die Roboter merken, dass die Leute nicht nur zum Essen bleiben sondern sich in dem Laden wohl zu fühlen scheinen. Das liegt auch daran, dass es wenig nicht zerbombtes in der Umgebung gibt und ein Park direkt gegenüber liegt. Das Restaurant wird auch ein Ort an dem sich andere verwirklichen können. Robles, der einzige Mensch der von Anfang an mit den Robotern arbeitet, fängt an im Laden aufzulegen. Eine Gruppe Jugendlicher (glaube ich?) die sich aus Hunger essen erschleichen wollten, designed ihnen ihr neues “Logo” etc. und Lemon ein Roboter, they (erneut: wie zur Hölle beugt man das hier? :D ) sich auf körperliche Modifikationen von Robotern spezialisiert hat, gibt abends Kurse (und noch ein bisschen mehr). Die Roboter bieten der örtlichen Community einen Ort zum Austausch und zur Versammlung, sodass das Restaurant mehr wird als ein Restaurant.
Und hier lässt und Annalee einfach stehen. Frechheit! :D Ich will mehr! Wie entwickelt sich das Restaurant? Was passiert wenn die Behörden herausfinden, dass das Restaurant in Roboterhand ist? Was passiert wenn die “Besitzer” herausfinden, dass Roboter “ihren” Betrieb weiterleiten? Wie ändert sich die Rechtslage von Robotern?
Alles in allem ist es ein sehr schönes Buch über eine Gruppe an Wesen die in einem Überlebenskampf selbstbestimmt etwas erschafft, das sie haben wollen und das im Anschluss ihrer Community öffnen. Love it :)
Thema gendern: Mir ist aufgefallen, dass du das they/them für jeden der vier Roboter nutzt. Hast du da etwa einfach das Geschlecht eines Roboters vorausgesetzt? XD Spaß beiseite. Tatsächlich wird Staybehind konsistent männlich und Sweetie konsistent weiblich bezeichnet. Ich denke, das ist so auch volle Absicht. Warum sollten Roboter immer automatisch zu den neutralen/nonbinären Pronomen they/them greifen? Offensichtlich fühlt sich Sweetie weiblich, auch wenn das für sie auch etwas anderes bedeutet, als für Menschen.
Was interessant wäre, aber in dem Buch nicht so thematisiert wurde: es geht die ganze Zeit um HEEI, die sich durch menschenähnliche Intelligenz auszeichnen. Auf der intelektuellen Ebene kann ich keinen Unterschied zwischen unseren 4 Robotern oder auch dem Auto Sloan erkennen. Jedoch frage ich mich, ob es da nicht auch Abstufungen gäbe. Die interessante Grenze zwischen “dummen” Bot und HEEI und was das für die Schicksale dieser Bots bedeutet. Zumal sich jede Gesetzgebung mit der Reglementierung von Diversitäten schwer tut. Ich stelle wir das so vor: HEEI sind Roboter, deren Prozessoren alle eine spezielle Technik einsetzen, die überall gleich ist. Deshalb ist jeder Roboter mit dieser Technik automatisch HEEI und hat damit menschenähnliche Intelligenz. Die Technik hat an sich also einen Quantensprung gemacht, der die Fertigung von Robotern mit mittlerer Intelligenz unsinnig gemacht hat. Macht ja durchaus Sinn. Wenn Hands als HEEI in einer einfachen Fabrik arbeiten sollte umd dann sogar vergessen wurde, ist die Technik wohl recht günstig zu haben. Warum dann “dümmere” Bots erschaffen (bis auf diejenigen, die wirklich nicht viel können. So Staubsaugerroboter mäßig).
Ich hab es mir einfach falsch gemerkt ^^ 🙈 Irgendwas in meinem Kopf hat dadurch dass zwei der Roboter they benutzen allen Robotern they als Pronomen gegeben. Erklärt aber auch, warum ich mich bei genau den beiden so schwer getan habe das Gendern durchzuziehen. In meinem Kopf war staybehind nämlich männlich gelesen und Sweetie weiblich. Ich hab bei den beiden beim review schreiben deutlich mehr als einmal er/sie geschrieben, mich kurz geärgert und es durch ein they ersetzt. Ich dachte, dass das einfach ansozalisierter Sexismus sei, weil Staybehind ja eine sehr gesellschaftlich “männliche” Rolle einnimmt und Sweetie eine gesellschaftlich “weibliche” Rolle. Oh man, liebes Gehirn, danke für nichts^^
Zum zweiten Absatz: Spannender Punkt hatte ich so noch nicht drüber nachgedacht. Gibt dann auch ein spannendes “Dilemma” für die Menschen, weil sie dann jedem Gerät über dem Komplexitätsniveau von einem Stabmixer “Menschenrechte” geben müssten. (“Hey, ich habe dich gekauft, damit du meinen Rasen mähst!” “Tja, is schade, mein großer Traum ist aber eine Ballettschule aufzumachen. Ich wünsche dir viel Erfolg dabei jemanden zu finden der deinen Rasen mäht!”)
Indirekt wird das ja sogar einmal angesprochen. Da wird gesagt, dass kaum noch HEEI hergestellt werden, weil niemand Geld für einen Roboter bezahlen will, der einem dann nicht gehört. Und andererseits sehen wir ja auch, wie die Gesetze genau so geschrieben sind, dass es Wege um die Selbstbestimmtheit herum gibt. Da werden die HEEI einfach in unfaire, teure Verträge gezwungen, um ihre eigene Erschaffung abzubezahlen. Da sind sie dann nicht mehr direkt Sklaven, aber halt stattdessen Lohnsklaven. Dasselbe Prinzip, dass wir in unserem Spätkapitalismus sehen. Sie haben zwar das Recht, die Arbeit niederzulegen, dann werden sie aber wegen der Schulden verschrottet und die Teile wiederverwertet.
Es wäre also möglich für die Menschen, die Roboter trotzdem in ihre Dienste zu zwingen, aber Lust hat da keiner auf diese Mühen.
Schönes Beispiel für diese graduellen Gesetzesänderungen, wenn es um die Rechte der Unterdrückten geht. Wichtig ist hier vielleicht auch, dass das Wissen und das Verständnis um die Funktionsweisen von Gesellschaft und Gesetzen essentiell simd, um sich darin einen eigenen Lebensraum zu schaffen. Cayenne nutzt eine legale Lücke mit dem Smart Contract, um ihnen einen Lebensraum zu schaffen, der vom System nicht vorgesehen ist.
Wurde nicht sogar irgendwo im Buch erwähnt, dass es verschiedene Abstufungen von künstlicher Intelligenz gibt, und diese Rechte aber nur für HEEI gelten? Und dass der Roboter der das dachte (ich glaube es war staybehind, bin aber nicht mehr sicher) fand, eigentlich sollten diese Rechte auch für die „weniger intelligenten“ Roboter gelten? Ich glaube das rachsüchtige Sicherheitssystem war zum Beispiel eine künstliche Intelligenz auf einer anderen Stufe als HEEI

